Was macht eigentlich… Marlies Waelzer (41)
"Es ist gut so, wie es ist!"
Die Ex-Nationalspielerin Marlies Waelzer beendete 2004 nach 18 Jahren ihre Karriere. Heute ist sie glücklich als freiberufliche Architektin, Mutter – und Trainerin einer Jugendmannschaft
Es regnet im bekanntesten Stadtteil Hamburgs: St. Pauli steht unter Wasser. Die berühmte Reeperbahn glänzt vor Nässe. Hier ist der FC St. Pauli zu Hause. Es ist ein Verein, der seine Geschichte und sein Image mit Stolz trägt. Die Flutlichtmasten des Millerntorstadions, wo die braun-weißen Kiez-Kicker ihre Bundesligaspiele austragen, ragen in den grauen Himmel. Im Schatten des Stadions liegt die Halle Budapester Straße – die Heimat der Handballer des Kult-Vereins. Dorthin hat es die ehemalige Bundesliga- und Nationalspielerin Marlies Kamleitner, wie sie seit ihrer Heirat vor einem Jahr heißt, verschlagen. Seit 2007 ist die 41-jährige zurück in ihrer Heimatstadt, wohnt und arbeitet in dem Szeneviertel nahe des Hafens.
St. Pauli und Handball – passt das überhaupt zusammen? „Es passt sehr gut“, sagt Kamleitner und grinst. „In unserer Abteilung können sie sich vor Anmeldungen für die Männer- und Frauenmannschaften nicht retten.“ Doch was fehlt, ist der Nachwuchs. Die Jugendabteilung befindet sich noch im Aufbau, ist sie doch erst vor sechs Jahren gegründet worden. „Der Zulauf ist bisher noch mittelmäßig“, stellt die Neu-Trainerin fest. „Wir haben mit den langen Schulzeiten und dem ‚Freizeitstress‘ zu kämpfen. Viele der Kinder haben nicht nur eine Sportart, sondern auch noch Musik, Nachhilfe oder einen zweiten Sport. Jeden Tag steht ein anderer Kurs oder ein anderes Training auf dem Plan, das ist natürlich anstrengend.“ Doch sie sieht einen entscheidenden Vorteil für ihren Verein gegenüber den anderen: „Die Leute finden es cool, in so einem Kultverein zu spielen Das können wir nutzen, allerdings ist eine langfristige Kooperation mit den Schulen und der Stadt unabdingbar.“
Seit Mai 2011 trainiert Kamleitner eine weibliche E-Jugend. Zehn Mädchen der Jahrgänge 2001 und jünger spielen bei ihr. Sie habe viel Spaß am Trainerin-Dasein, sagt sie, „mehr, als ich vorher gedacht hätte.“ Die Begeisterung ist ihr anzusehen. Lebhaft erzählt sie vom Training, davon, „wie die Augen der Mädchen funkeln“, wenn sie ihnen Tricks zeigt und welche Fortschritte die Mädchen machen. „Die Mehrheit der Mannschaft besteht aus dem jüngeren Jahrgang, dadurch gab es in der Hinrunde einige deutliche Niederlagen: „Wir verlieren Spiele mit 20:3 oder 23:5. Doch wenn die Mädchen ein, zwei Tore werfen, freuen sie sich, als hätten sie das Spiel gewonnen. Das ist toll zu sehen und für mich sind die individuellen Fortschritte sehr wertvoll.“
Es ist die erste Mannschaft, die Kamleitner trainiert. Nach sechs Jahren Handballabstinenz ist sie über einen Arbeitskollegen ihres Mannes zufällig „da reingerutscht“. Ein Glücksfall – für sie und ihre Mannschaft. „Es ist das Gesamtpaket, das mich am Trainersein fasziniert. Ich merke, dass ich nach der Pause wieder mit dem Kopf und dem Herzen dabei bin. Ich gehe wie früher als Spielerin wieder zu 200 Prozent mit.“ Das ist gerade bei Spielen unübersehbar. Sie gestikuliert, gibt ihren Mädchen Anweisungen, fiebert mit… und manchmal scheint sie es nicht mehr an der Bank zu halten: „Wenn ich beim Spiel an der Seitenlinie stehe, möchte ich am liebsten selbst aufs Feld rennen“, erzählt die 41-jährige lachend. „Das wird wahrscheinlich auch nochmal irgendwann passieren; im letzten Spiel war ich schon bei der Nachbarbank!“
Doch selbst wieder aktiv anzufangen, ist für Kamleitner trotzdem keine Alternative, auch wenn „es natürlich in den Fingern juckt“. Mehr als ihr halbes Leben war der Handball ihr ständiger Begleiter, 18 Jahre davon hatte sie auf den Leistungshandball ausgerichtet. Neun Vereine, fünf Deutsche Meisterschaften, vier Pokalsiege, zwei Europapokalsiege und 1996 – wohl der Höhepunkt ihrer Karriere – die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Atlanta. Heute sagt sie: „Meine Karriere war ein intensiver Lebensabschnitt und es war eine super Zeit, aber ich will es dabei belassen.“
Als Sechsjährige begann Kamleitner beim SC Condor im Hamburger Stadtteil Farmsen mit dem Handball. Doch schnell zog es sie weg, zum AMTV, der damals wie heute für seine gute Jugendarbeit bekannt war. Sie spielte erst Hamburger Auswahl, dann Norddeutsche Auswahl. Mit 17 der Sprung in den Leistungshandball – mit der A-Jugend des TuS Alstertal gewann Kamleitner die Deutsche Meisterschaft und stieg wenig später mit den Frauen in die Bundesliga auf. „Das war sensationell für einen Hamburger Verein“, erinnert sie sich. „Doch mit unserer jungen Mannschaft sind wir gleich wieder abgestiegen. Wir haben gut gespielt, es fehlte nur die Erfahrung.“ Um weiter in der Bundesliga spielen zu können, entschied sich die Linksaußen für einen Wechsel: In die Hauptstadt, zu GutsMuths Berlin. Nach einem Jahr rief der TSV Lützellinden, damals eine namhafte Adresse im Frauenhandball. „Mit Lützellinden habe ich meine ersten beiden Titel geholt – zweimal die Deutsche Meisterschaft“, erzählt Kamleitner mit einem schwelgerischen Lächeln. „Das ist eine schöne Erinnerung.“
Mit einem erneuten Wechsel, aus dem hessischen Lützellinden – einem Stadtteil von Gießen – zum TuS Walle Bremen, nahm ihre Karriere nochmal Schwung auf. Bei Walle spielte sie mit Hochkarätern wie der dänischen Nationalspielerin Anja Andersen, der deutschen Rückraumrechten Dagmar Stelberg und Nationaltorhüterin „Tine“ Lindemann zusammen. Es war die Zeit der Bremerinnen, in den Jahren 1994 bis 1996 holten sie dreimal hintereinander die Deutsche Meisterschaft. Kamleitner erinnert sich noch heute gerne an ihr damaliges Team: „Wir waren eine tolle Mannschaft und hatten und haben immer noch einen starken<s> </s>Zusammenhalt!“ In diese Zeit fällt auch das, wie sie selbst sagt, eines der schönsten Erlebnisse ihrer Karriere: „Ich habe in der letzten Sekunde das letzte und entscheidende Tor um die deutsche Meisterschaft geworfen. Für Walle Bremen, und das ausgerechnet gegen Lützellinden, meinen Ex-Verein.“
Es war ein stressiger Alltag zu dieser Zeit: Architektur-Studium in Hamburg, Bundesliga-Handball in Bremen. „Das waren schon 300 Prozent, der reine Wahnsinn“, lacht sie heute. „Man trainiert jeden Tag, jedes Wochenende ist ein Spiel, wenn du noch in der Champions League oder im Pokal dabei bist, finden noch die Mittwochspiele statt. Da ist das ganze Jahr volles Programm. Ich habe es geschafft, weil ich unheimlich viel Energie hatte und wir ein eingeschweißtes Team waren.“ Doch der Aufwand zahlte sich aus – im Sommer 1996 die Nominierung für die Olympischen Spiele in Atlanta. Für Kamleitner kam es überraschend: „Wir waren zu dritt auf Linkaußen und haben ein halbes Jahr um die Position gekämpft. Unser damaliger Trainer Ekke Hoffmann hat alles offen gelassen. Das war am Ende für mich gut, weil ich so als Jüngste den Platz einnehmen konnte.“ Wenn sie von den Spielen erzählt, glänzen ihre Augen. „Fantastisch“ sei es gewesen, „unglaublich“ und „beeindruckend. Besonders das Olympische Dorf hatte es der damals 26-jährigen angetan: „Im Olympischen Dorf wohnt und trainiert man zwei Wochen nur mit internationalen Sportlern zusammen. Am Abend, im Deutschen Haus, werden die Medaillengewinner gefeiert. Das ist sicherlich das größte Ziel für jeden Sportler.“
Doch zu einem Titel reichte es mit dem Nationalteam leider nicht, das Team wurde am Ende Sechster. Kamleitner erinnert sich zurück: „Das war sehr ärgerlich, denn dort in Atlanta um die ersten drei Plätze zu spielen, wäre etwas ganz Besonderes gewesen. Eigentlich wäre das auch möglich gewesen, doch nach meiner Erinnerung wurde sich extrem auf das sehr starke Team<s> </s>Südkorea fixiert, Anstatt sich akribisch auf Norwegen vorzubereiten, um mit einem Sieg Gruppenzweiter zu werden – und damit in die Finalrunde einzuziehen.“
Nach den Olympischen Spielen hatte der Alltag die Nationalspielerin jedoch schnell wieder – ihre erfolgreiche Bremer Mannschaft löste sich auf, um weiterhin Bundesliga zu spielen, wechselte sie nach Buxtehude. Doch dort kam sie nie richtig an: „Ich habe in Bremen gewohnt, in Buxtehude Handball gespielt und in Hamburg studiert… das war zu viel. Deshalb habe ich in Buxtehude auch nie richtig Fuß gefasst und bin nach zwei Jahren zurück nach Bremen zu Werder gewechselt. Dort haben wir dann Regionalliga gespielt und ich konnte mich in dieser Zeit auf mein Diplom konzentrieren.“ Ein Umzug nach Lübeck brachte einen Wechsel zu Buntekuh Lübeck in die zweite Bundesliga mit sich. Nach einem Jahr stieg das Team mit Kamleitner noch einmal in die Bundesliga auf – es sollte ihre letzte Saison werden. 2004 entschied sie sich nach 18 Jahren Leistungshandball für ihren Beruf und beendete ihre Karriere: „Ich wollte mich mehr auf meine zweite Leidenschaft konzentrieren – die Architektur - 2007 bin ich dann aus Lübeck zurück nach Hamburg gezogen, mein Sohn ist hier geboren, ein kleiner St. Paulianer. Er geht auch in die Kita am Millerntor, die in einem Tribünen-Segment vom Stadion integriert ist. Jeden Morgen schaut man direkt von der Ankleide in das Stadion, das ist ganz kultig.“
Kultig. Ein Wort, das ihren neuen Verein, den zehnten ihres Handballlebens und ihren ersten als Trainerin, gut beschreibt. Eigentlich ist es also kein Wunder, dass sie als Jugendtrainerin hier gelandet ist. Doch will sie auch als Trainerin weiter nach oben? Im Moment erst mal nicht: „Ich freue mich zurzeit einfach über meine Mädels. Wenn ich sie im Training oder im Spiel sehe, habe ich natürlich das Ziel, tolle Spielerinnen aus jeder Person zu machen. Aber ich lasse es so laufen, wie es kommt.“
Architektin, Mutter, Jugendtrainerin. Auch ohne den Leistungshandball in ihrem Leben ist Kamleitner sehr aktiv – 200 Prozent eben. Nebenbei engagiert sie sich noch für emadeus, eine Organisation für die Sportler, die früher von der Sporthilfe gefördert wurden und die heute mit einem Beitrag die aktuellen Athleten unterstützen. „Ein tolle Organisation“, sagt sie. „ Es gibt unzählige Leistungssportler, die nur durch die finanzielle Unterstützung der Sporthilfe ihr Talent und ihre Leidenschaft für den Sport voll ausreizen können und das unterstütze ich gerne.“ Zu viel wird es der 41-jährigen nicht: „Im Moment sage ich mir: Es ist gut so, wie es ist.

Eine wirklich gelungene Charakterisierung von Marlies als Spitzensportlerin, engagierte Hobby-Trainerin, passionierte Architektin und glückliche Mutter. Mein Kompliment! 
